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Storytime: mein Seelenhund.

 

Vor fast einem Jahrzehnt adoptierte ich meinen ersten ganz eigenen Hund, aus dem Auslandstierschutz. Ich hatte ihre Anzeige in einem Tierforum entdeckt. Es war nicht allzu viel auf dem Foto zu erkennen, aber ich war sofort verliebt. Ein mittelgroßer, schlanker, langohriger weißer Junghund mit dunkelbraunen Flecken namens Synem (Sinem = die Seele). Tierschützer hatten sie in der Türkei als Welpe von der Straße gerettet und mit nach Deutschland genommen. Zu dem Zeipunkt als ich sie entdeckte war ich eigentlich gar nicht in der Lage direkt einen Hund zu adoptieren, da ich mich noch in meiner Ausbildung befand. Trotzdem wagte ich mein Glück und nahm Kontakt mit den verantwortlichen Tierschützern auf. Synem war eine liebe, verschmuste aber noch sehr ängstliche Hündin. Sie war schon einmal vermittelt gewesen, wurde aber bald zurück gegeben. Trotz ihrer Schönheit und ihrem freundlichen Gemüt also ein eher schwer zu vermittelnder Hund – zu meinem Glück. Monatelang war ich in regem Kontakt mit dem Tierschützer und bekam regelmäßig Updates und neue Fotos. Wenn ich spazieren ging, stellte ich mir immer vor, ich hätte sie schon bei mir. Es war eine schier unerträgliche Wartezeit für mich.

 

Doch dann kam endlich der Tag. Rund 600km, einmal komplett von Süddeutschland nach Norddeutschland ging die Reise. Ich war so furchtbar aufgeregt. Wenn man endlich sein Tier, sein neues Familienmitglied, abholen darf, ist das ähnlich wie bei einem ersten Date. Man hat schwitzige Hände, Herzrasen und Schmetterlinge im Bauch. Synem lebte bei der Tierschutzfamilie auf einem Bauernhof in einem kleinen Dorf. Wir parkten und stiegen aus. Ich konnte sie schon bellen hören. Sie war ganz aufgedreht. Ich ging mit dem Tierschützer zu ihrem Gehege, ein eingezäuntes Stück Garten mit einer festen Hundehütte. Als er es öffnete entwischte die Süße erstmal und rannte über den ganzen Hof, bescherte den Hühnern einen mittelschweren Herzinfarkt und brachte mich zum schmunzeln. Sie war größer als ich erwartet hatte. Ich hatte bisher nur mit Kleinhunden Erfahrung. Schnell war sie wieder eingefangen und zeigte sich junghundtypisch quierlig und unterwürfig, schmiss sich auf den Rücken, wälzte sich im Schlamm und war so hibbelig, dass sie kaum eine Sekunde ruhig halten konnte. Nach dem Kennenlernen ging es ins Haus um den Papierkram zu erledigen und einen Kaffee zu trinken.

 

Danach gingen wir wieder nach draußen und legten Synem Geschirr und Leine an, die wir mitgebracht hatten. Es war eigentlich ein ticken zu klein, bzw zu schmal, da ich mich in der Größe verschätzt hatte. Ins Auto musste wir sie tragen, sie war ganz widerwillig, legte sich wie tot auf den Boden und versteifte vor Angst. Ich legte sie auf eine warme kuschelige Decke auf die Rückbank und setzte mich zu ihr. Auf der Heimfahrt versuchte ich sie einmal auf einem Rasthof zum Pinkeln zu bewegen – vergeblich. Die gesamte Autofahrt war sie sehr unentspannt, ängstlich und steif. Ich war einfach bei ihr und streichelte sie sanft.

 

 

Damals lebte ich noch in der Stadt, was sich als reichlich ungelegen für die Haltung eines Angsthundes erwies. Ich wusste vorab nicht WIE ängstlich sie war, das war aber auch kein Fehler der Tierschützer. In einer neuen Umgebung mit neuen Menschen können die Tiere sich oft komplett anders verhalten, als man sie kennt. Und sie kam aus einer sehr reizarmen Gegend, lebte dort wie gesagt auf einem Bauernhof in einem sehr kleinen Dorf mit rund dreieinhalbtausend Einwohnern. Ich hingegen wohnte in einer Stadt mit über hundertzwanzigtausend Einwohnern.

Alle Hunde mit denen ich zuvor mein Leben verbracht hatte, die ich aus meiner Kindheit und Familie kannte, hatten keine derartigen Traumata. Eine herausfordernde Abenteuerreise begann.

 

Ich nannte meine geliebte neue Hündin Samantha, kurz Sam. Benannt nach der tollen Schäferhündin aus dem Blockbuster "I am Legend" von 2007.

Sam hatte Angst vor Männern, Kinder, allen türkischsprachigen Menschen, lauten Geräuschen, schnellen Bewegungen, Stöcken, Besen, Autos, Treppen, Schiebetüren, Gewitter, Feuerwerk und Jägerschüssen. Wenn ihr etwas Angst bereitete legte sie sich einfach auf den Boden und ging keinen Schritt mehr weiter. Viele, viele Male musste ich sie nach Hause tragen, was bei einem etwa 55cm großen und rund 20kg schweren Hund schon mal anstrengend werden kann. Im Nachhinein bin ich aber sehr dankbar, dass sich ihre Angst in "freeze" und nicht "flight" oder gar "fight" äußerte.

Es dauerte zwei Tage bis sie sich endlich erleichtern konnte. Zum Glück gab es direkt neben meinem Wohnhaus ein eingezäuntes, grünes Grundstück auf dem die Bewohner ihre Hunde frei laufen lassen konnten.

 

Jeden Tag gingen wir stundenlang spazieren. Wir liefen aus der Stadt hinaus und auf die Felder. Bald bemerkte ich dass solche Angsthunde, sobald sie eine gute Bindung haben, zu furchtbar treuen Gefährten werden. Nach einiger Zeit konnte ich sie in der Natur problemlos frei laufen lassen, sie blieb stehts an meiner Seite. Es sollte noch Monate dauern bis sie sich auf das Kommando "Lauf" von mir lösen konnte um los zu düsen und zu spielen. Kaum war die Nuss aber geknackt, zeigte sich eine temperamentvolle, lustige Hündin. Alle waren neidisch auf meinen Hund, weil sie so unglaublich treu und anhänglich war (ist). Und zudem eine wahre Schönheit.

 

 

Wir kamen trotzdem immer mal wieder in Situationen wo die Angst sie packte. Der Bruder meines damaligen Partners wurde stehts angeknurrt. Auch mein Partner war ihr nicht immer Geheuer. Gassi ging sie jahrelang ausschließlich mit mir und im Notfall mit einer lieben Freundin von mir. Meinen Schwiegervater kneifte sie einmal in die Wade. Und einmal, während wir auf den Feldern spazieren waren und ein Jäger in einem nahegelegenen Wald das Feuer eröffnete, ersteifte sie nicht in ihrem üblichen "freeze" sondern flüchtete in ein Betonrohr, welches in einem Abflussgraben integriert war. Das war schon ein Kunstwerk sie dort wieder heraus zu bekommen.

 

Circa eineinhalb Jahre nachdem Sam zu mir gekommen war – mittlerweile waren wir auf ein Dorf gezogen – adoptierte ich eine französische Bulldogge aus Spanien. Dieser Rüde, Einstein genannt, war die Gutmütigkeit in Hund. So cool, lustig und gelassen wie ein Hund nur sein kann. Er half Sam auch noch ihre letzten schwerwiegenden Ängste abzulegen und ging stehts als unbesorgtes Beispiel voran. Im Gegenzug dazu beschützte sie ihn vor größeren Hunden, die ihn mobben wollten. Die zwei waren wirklich ein ungleiches, aber wundervolles Team.

 

Unser Einsteinchen ist leider letztes Jahr über die Regenbogenbrücke gegangen, was für die gesamte Familie sehr schwer war. Sam hat es zum Glück mittlerweile gut verkraftet. Sie hat auch nach wie vor weitere Hunde an ihrer Seite, da mit der Zeit noch mehr Tierschutzhunde unsere Familie bereicherten. 

Heutzutage kann ich Sam überall mit hinnehmen. In die Stadt. In den Urlaub. Einzig vor Gewitter und Silvester hat sie immer noch Angst, allerdings äußert sich dieses bei weitem nicht mehr so tragisch wie damals. Sie schwimmt gerne, jagd gerne Mäuse, kann sich stundenlang kraulen lassen ohne auch nur jemals genug zu bekommen und ist nach wie vor mein Seelenhund. 

 

Während ich das hier gerade schreibe liegt mir die alte Dame übrigens zu Füßen. Wie immer: stehts an meiner Seite. Sie ist letzte Woche 12 Jahre alt geworden, was mich dazu inspirierte ihre Geschichte zu teilen.

 

 

>> Seelenhunde hat sie jemand genannt. Jene Hunde, die es nur einmal gibt im Leben. Jene Hunde, die wie Schatten waren. Wie die Luft zum Atmen. Jene Hunde, die uns ohne Worte verstanden. <<

aus "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry

 

 

Habt ihr auch einen Seelenhund?

 

Alles Liebe, eure Vivi  vom Lola&Lumpa-Team

 

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