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Schutzhundesport: Tierquälerei oder artgerechte Auslastung? Im Gespräch mit Hundetrainerin Yasmin Löhle.

  

Hallo Yasmin, magst du dich und deinen Hund kurz vorstellen?

Hallo ich bin Yasmin, 29 Jahre alt, und komme aus Kreis Esslingen, das ist ca 15 km von Stuttgart entfernt. Ich mache schon über 10 Jahre aktiv Hundesport im Bereich Schutzdienst und Unterordnung, früher auch Turnierhundesport mit meinem Boxer. Ich führe momentan einen Rottweiler, 6 Jahre alt, mit dem ich dreimal die Woche den Hundeplatz besuche und aktiv den Sport ausübe.

 

 

Wie bist du zum Schutzhundesport gekommen?

Es war so, dass ich schon immer gesagt habe, ich möchte meinen Hund richtig auslasten und das kann man halt nicht einfach nur mit Spazierengehen und Ball hin und her schmeißen. Also ich rede hier von Gebrauchshunden. Gebrauchshunde sind so gezüchtet worden, dass sie arbeiten wollen, arbeitsfreudig sind, und dementsprechend dann halt auch eine Aufgabe brauchen im Leben. Und so bin ich eigentlich zum Hundesport gekommen.

Es ist eine Teamarbeit die sehr zusammen schweißt, man muss sehr viel miteinander arbeiten. Dafür habe ich viel entspanntere Hunde.

Oft sehe ich Leute die Gebrauchshunde besitzen und keinen Hundesport betreiben, da merkt man halt immer wieder dass die Hunde irgendwie keine Aufgabe haben. Und bei manchen schwenkt es dann in Zerstörungswut und Aggression um. Dafür kann ich leider kein Verständnis aufbringen, denn es ist wichtig dass ein Hund, gerade solche Rassen, eine Aufgabe hat.

 

mit freundlicher Genehmigung von Yasmin Löhle
mit freundlicher Genehmigung von Yasmin Löhle

 

Welche Rassen eignen sich und was sind die Voraussetzungen für Hund und Halter um diesen Sport auszuüben?

Also als erstes muss man mal sagen, dass Hundesport eigentlich für jede Rasse geeignet ist. Zumindest ein bisschen Unterordnung, Kopfarbeit, Fährtenarbeit ..also Sucharbeiten, alle Bodenarbeiten, kann auch ein kranker Hund machen. Denn der Kopf ist gesund, vielleicht der Körper nicht, aber der Kopf ist gesund. Und genau der muss auch ausgelastet sein.

Rein der Schutzhundesport, also Schutzdienstfährten usw, da passt halt die Überklasse Gebrauchshunde dazu. Das sind Hunde wie der Dobermann, der Schäferhund, der Rottweiler, der Boxer, der italienische Cane Corso, der belgische Malinois, usw. Also ich denke das ist schon eine große Pallette.

Die Voraussetzung ist Gesundheit. Für einen Hund mit schweren Gelenkproblemen wie HD (Hüftdysplasie) oder ED (Ellbogendysplasie ) ist das nichts.

 

Und Halter: ja, ich denk die größte Voraussetzung ist seinen Hund zu kennen. Seinen Hund lesen zu können und ein Team zu sein. Und das fängt halt einfach in der Welpenstunde - also Welpenzeit - an, dass man da eine Bindung aufbaut. Außerdem sollte auch der Mensch gesund, also gut zu Fuß, sein.

Voraussetzung ist natürlich auch das der Hundesportler Spaß hat, dahinter steht und weiss was seine Ziele sind. Möchte ich jetzt einfach nur das mein Hund ein bisschen Unterordnung beherrscht, nehme ich es vielleicht nicht so ernst, wie jemand der auch auf Wettkämpfe gehen will oder es wirklich auch vielleicht später mal beruflich machen möchte.

 

Der Hundesport, oder Schutzhundesport, darf nicht aus Schlägen oder Gewalt bestehen.

Wenn man ein Team ist und Spaß beim Sport hat, stehen einem alle Türen offen. 

 

  

Wie oft trainierst du und wie gestaltet sich eine Trainingseinheit, wie sieht das Training aus?

Also wir trainieren dreimal die Woche: Mittwoch, Samstag und Sonntag. Mittwoch besteht komplett aus Schutzdienst und Unterordnung, Samstag meistens aus Unterordnung und Sonntag gehen wir Fährten mit Schutzdienst. Die Trainingseinheiten gestalten sich ganz verschieden und flexibel, je nachdem woran man noch arbeiten will und muss.

 

Wir nehmen uns immer kleine Portionen vor, die wir erarbeiten und das dann auch nicht überstrapaziert lange. Wirklich mit dem Erfolg gehen. Das heißt mein Hund macht es zweimal gut - dann spielen, Gas geben, sich freuen. Weil das bringt nichts, wenn die Leute mir sagen, sie trainieren stur eine Stunde komplett am Stück. Man muss das auf den Hund abstimmen und das ist einfach situationsbedingt. Wenn es im Sommer mal brutal heiß ist, dann muss ich mit meinem Hund nicht 45 Minuten über den Platz rennen und ihm die letzte Energie rauben.

 

Also man schaut einfach: Was möchte ich noch erreichen? Was möchte ich noch ausfeilen?

Klappt es zum Beispiel mit dem Apportieren und dem Holz halten nicht ruhig genug, dann arbeite ich halt da die nächsten 3-4 Tage dran, bis es richtig sitzt.

Und so gestalten wir eigentlich unser Training. Je nach Mensch, je nach Hund und je nachdem was man noch schaffen oder erreichen möchte.  

 

mit freundlicher Genehmigung von Yasmin Löhle
mit freundlicher Genehmigung von Yasmin Löhle

 

Kann dein Hund dich im Ernstfall beschützen und wie ist die rechtliche Lage wenn er dich verteidigt?

Also theoretisch kann er mich im Notfall beschützen und ist auch wieder abrufbar. Nur wie du schon ahnst, ist die rechtliche Lage so, dass ich meinen Hund nicht einsetzen darf.

Also ein Hund darf einen Einbrecher oder Angreifer stellen und verbellen. Das heißt er sitzt oder steht vor ihm und verbellt ihn nur, darf ihn aber nicht angreifen.

Klar könnt man dann sagen, dass der Hund aus Notwehr gebissen hat, aber im Recht bin ich dann nicht. Außer eventuell wenn ich wirklich beweisen kann, dass der Angreifer mich umbringen wollte mit irgendwelchen Waffen oder so.

Aber wie gesagt offiziell darf der Hund den Angreifer nur stellen und verbellen.

 

Dass mein Hund mich beschützen würde, hat aber eigentlich nichts mit der Ausbildung zu tun. Das ist eigentlich der Instinkt eines jeden Hundes,und in solch einer Situation spürt der Hund auch die Angst des Menschen und reagiert darauf.

Durch die Ausbildung hat meiner gelernt in Stresssituationen cool zu bleiben. Ein Hund der nicht ausgebildet ist, fängt da eher schneller an hin zu schnappen oder sich nicht abrufen zu lassen, ist also weniger kontrollierbar.  

 

  

Möchtest du noch etwas abschließendes sagen?

Ich empfehle allen, die die entsprechenden Hunde haben und gerne was machen möchten, mal auf einem seriösen Hundesportplatz vorbei zu kommen. Die Leute müssen die Vorurteile aus dem Kopf kriegen, dass Schutzhundesport mit Prügel, Strom- und Stachelhalsbändern und scharf machen zu tun hat.

Jeder könnte bei uns auf dem Hundeplatz vorbei kommen, sich das angucken, die Hunde streicheln. Ja, früher ist leider viel Schlechtes damit gemacht worden, aber das können wir uns heute gar nicht mehr leisten und das wollen wir auch nicht. Wir wollen gute Gebrauchshunde, wir wollen gute Alltagshunde. Einfach ausgelastete, glückliche Hunde, die ihren Job machen können, dementsprechend wofür sie gezüchtet wurden.

 

Ich empfehle immer wieder mit den Hunden ein bisschen was zu machen, weil ich es einfach so schön finde, als Team zusammen zu arbeiten. Und wenn man dann einen Hund hat, der gut im Gehorsam steht, ist das auch ein schönes Vorbild. Es sieht doch besser aus, wenn ein Hund bei Fuß laufen kann. Muss er ja nicht die ganze Zeit, aber ich kann ihn auch abrufen und ich kann zu ihm mal sagen er soll sich da hin setzen und mich dann auf ihn verlassen. Im Gegensatz zu jemandem, der an der Leine hängt und kaum hinterher kommt.

Ich finde allgemein wenn man Hunde hat, besonders große Hunde, sollte man immer überlegen ob man nicht mit dem Tier arbeiten möchte. Ich rede nicht nur vom Schutzhundesport, es gibt so viele Möglichkeiten. Und wenn das mehr Leute machen würden, gäbe es viel weniger Beißvorfälle und Probleme.

 

Ich kann es nur jedem ans Herz legen, sich das Ganze auf einem richtig seriösen Hundeplatz anzuschauen und danach erst eine Meinung zu bilden.

 

Wenn ich jemandem erzähle, dass ich Schutzhundesport mache, werde ich oft blöd angeguckt, als würde ich meinen Hund nur scharf machen und da ist absolut nicht der Sinn der Sache.

 

Vielen lieben Dank für das aufschlussreiche Interview!

 

mit freundlicher Genehmigung von Yasmin Löhle
mit freundlicher Genehmigung von Yasmin Löhle

 

So meine Lieben und die Moral von der Geschicht?

Mit dem Schutzhundesport wurde sicher mal Schindluder getrieben, irgendwoher müssen die Vorurteile ja kommen. Wenn aber heute noch solche Vorurteile vorherrschen, resultiert das sicherlich aus Unwissenheit. Ich kann nicht meine Hand dafür ins Feuer legen, dass es nicht irgendwo auf der Welt noch schwarze Schafe gibt. Aber es wäre unfair, einfach die etlichen guten, seriösen Vereine und Hundesportler abzustempeln. Seid offen. Und wenn ihr das Gefühlt habt, dass das genau das Richtige für euch und euren Vierbeiner sein könnte, schaut doch mal bei einem Schnuppertraining in eurer Nähe vorbei.

 

Und für alle aus dem Kreis Stuttgart, hier findet ihr übrigens die Homepage von Yasmins Verein: http://www.sv-og-koengen.de/

 

 

Alles Liebe, eure Vivi vom Lola&Lumpa-Team

 

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